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Bildwerke im Kreuzgang

Die Domherren und adligen Familien, die den Umbau des romanischen in einen gotischen Kreuzgang finanzierten, haben sich nicht nur in den Schlusssteinen des jeweiligen Bauteils ein Denkmal gesetzt, sondern auch in dort aufgestellten Grabmälern und Bildwerken.

Bischof Johann von Dalberg gab nicht nur den Anstoß zur Erneuerung des Kreuzgangs, sondern auch zu dessen künstlerischer Ausstattung nach einem auch liturgisch gedachten Programm. Bildwerke sollten das Leben Jesu darstellen,. Die Reliefs des Kreuzgangs sollten besonders an bestimmten Festtagen und bei Prozessionen als "Station" dienen.

Bischof Johann selbst war Stifter des Stammbaums Christi, der „Wurzel Jesse“.
Das Bildwerk war 1488 fertig gestellt und die Inschrift rühmt den Bischof, der in Person vollplastisch dargestellt ist, als den Stifter des neuen Kreuzgangs und Initiator der Steinreliefs.

So war das Relief "Mariä Verkündigung" von 1487 besonders am gleichnamigen Festtag, dem 25. März jeden Jahres zu betrachten, konnte aber auch täglich beim Angelus-Läuten und dem Gebet "Engel des Herrn" zur Meditation herangezogen werden.

Das Relief "Geburt Christi" stellt die Weihnachtsgeschichte am Festtag, dem 25. Dezember jeden Jahres in Szene..

Die Darstellung der "Kreuzigung", die nach einem schriftlichen Bericht von französischen Soldaten 1689 verstümmelt worden war und dann abgeräumt wurde, erinnerte an das Karfreitagsereignis und den Opfertod Jesu Christi.

Das Bild der „Kreuzabnahme und Grablegung“ mit dem Schmerz der Gottesmutter Maria, leitet über zu der „Auferstehung Christi“, dem Heilsereignis der Christen schlechthin.

Das "heilsgeschichtliche Programm" (Walter Hotz) ergab sich aus ihrer paar weisen Aufstellung: Der Wurzel Jesse entsprach die Grablegung – aus der Erde/in die Erde.
Der Verkündigung entsprach die Auferstehung – Eingang Gottes ins menschliche Wesen/Heimkehr des Menschensohns zum himmlischen Vater.
Der Geburt entsprach die Kreuzigung – Beginn und Ende des menschlichen Lebens.

Leider sind nur sehr spärliche Berichte aus dem 16. bis 19. Jahrhundert über die Grabmäler und Bildwerke des Domkreuzgangs in Berichten von Reisenden und Inschriftensammlern überliefert – die älteste bis jetzt bekannte Beschreibung von Bernhard Hertzog im Jahre 1596. Allerdings fehlen die großen Reliefs der Wurzel Jesse und der Verkündigung.

Aus dem Jahre 1818 ist die Beschreibung der Reliefs in den noch stehenden Teilen des Kreuzgangs des einige Zeit in Worms lebenden hessischen Hofrats und Landschaftsmalers Georg Wilhelm Issel überliefert, der allerdings nur die Wurzel Jesse, die Verkündigung, die Geburt Jesu und die Grablegung – in dieser Reihenfolge - beschreibt.

Im Zusammenhang mit den Eingaben des Kirchenvorstands der Dompfarrei im Jahre 1818 wegen des Abbruchs des Domkreuzgangs erfahren wir auch über die Steinbildwerke:

Die im Innern des Kreuzgangs befindlichen Altertümlichkeiten sind Bildhauerarbeiten, die größtenteils bereits sehr beschädigt sind und überdem dem Auge des mittelmäßigen Kenners selbst als bloße Produkte einer unvollendeten Kunst erscheinen müssen, doch abgesehen von dieser Kunst Ansicht, wäre es ein Leichtes, bei der Demolition des Kreuzgangs, diese Arbeiten ganz, wie sie sich jetzt befinden, herauszuheben, an irgend einem schicklichen Orte im Vatterlande wieder aufzustellen und so der Nachwelt zu überliefern, was überdem für die Erhaltung dieser Bildhauerarbeiten weit zuträglicher als ihre Beibehaltung im Kreuzgang, der von allen Seiten offen, jeder Witterung und überdem jeder muthwilligen Verletzung preis gegeben ist, worunter jene altertümlichen Reste auch bereits außerordentlich gelitten haben.

1819, als es um den Umbau eines noch unter Dach stehenden Kreuzgangflügels zu Pfarr-, Schulhaus und Glöcknerwohnung und den Abbruch des Nord-und Südflügels zur Finanzierung der Bauarbeiten ging, bot der Kirchenvorstand an: Sie würden sich dabeizu verbindlich machen, die in den abzubrechenden Flügeln vorfindlichen interessanten Bildhauer- und Steinmetzarbeiten in den stehen bleibenden Teil des Kreuzgangs zue versetzen und einzumauern, sodass von der eigentlichen Kunst nichts verloren ginge.

Im Jahre 1827, als nur noch der Ostflügel des Kreuzgangs vorhanden war, der angeblich einer Ruine glich und den Dom verunzierte, schlug der Kirchenvorstand der Domgemeinde vor, aus dem Erlös des Abbruchmaterials die Nikolauskapelle zu renovieren und die Steinbildwerke dorthin zu bringen, diese zu einem Tempel der Altertümer, zu einem Museum also, einzurichten.

In Hohenreuthers Kunstgeschichtliche Darstellung des Domes zu Worms, 1857 zugunsten des Dombauvereins herausgegeben, erfahren wir beim Bericht über den Kreuzgang: Fünf große Werke der Bildhauerkunst, wahrhafte Gemälde in Stein, schmückten denselben und wir bezeichnen es als ein wahres Glück, dass diese unschätzbaren Sculpturen so wenig versehrt aus dem Brande 1813 hervorgegangen sind. Nachdem sie von da bis zum Jahre 1833 dem Wetter und allen Zufällen preisgegeben waren, ließ der vorige Pfarrer des Domes, Ludwig Boll, dieselbe in die Taufkapelle bringen und daselbst aufstellen.

Wenige Jahre später, 1871, verfasste der damalige Kaplan am Wormser Dom und spätere Mainzer Professor Valentin Alois Franz Falk einen neuen Kunstführer: Die Bildwerke des Wormser Doms, "Eigenthum des Dombauvereins in Worms". Dort werden auch die Kreuzgangreliefs in der Nikolauskapelle, die damals Taufkapelle bezeichnet wurde, beschrieben.

Fotografien, auch in dem Kunstdenkmälerwerk von Wörner, 1887, und in Kunstbänden (Doering, Die Kunst dem Volke, 1917), zeigen die Bildwerke an diesem Aufbewahrungsort. Erst nach der Niederlegung und dem erweiterten Neuaufbau der Nikolauskapelle im Jahre 1930 wurden sie an den heutigen Standort im nördlichen Seitenschiff verbracht, wo sie nun der Restaurierung harren.