Kontakt Impressum

Der Baumeister steht im Dom

von Dr. Hilmar Kienzl

“Mich laust der Affe“ müsste eigentlich der sogenannte Baumeister vom Wormser Dom, mit seinem Winkeleisen in der Hand, schimpfen. Fast 900 Jahre steht er schon an einer der beiden mittleren Galeriefenster der Ostfassade mit Blick Richtung Rathaus in schwindelerregender Höhe. In diesem Jahrtausend wurde ihm auch noch die Aussicht durch einen ihn einhüllenden Plexiglaskasten eingeengt. Es war ja gut gemeint, denn durch den Zahn der Zeit drohte ihm ein Absturz mit Zerstörung in Einzelbrocken. Schließlich wurde ihm vor zwei Jahren auch noch die Sicht total versperrt im Rahmen der Domrestaurierung durch eine gigantische Plastikplanenverhüllung. Kein Außenstehender kann seither sehen, was sich darunter abspielte. Und jetzt plötzlich, seit Beginn des Jahres 2010, steht er samt seiner Säule im Dom. Weitaus größer als man das als Betrachter von unten aus der Ferne sehen konnte, steht er im südlichen Querschiff nahe dem Dombezirksmodell, von dem aus die Domführungen meist beginnen.
Jetzt kann man ihn bis zu kleinsten Steinmetzdetails mit seinem kraulenden Affen studieren und sich selbst ein Urteil bilden, ob es sich wirklich um einen Affen oder ein Fabeltier handelt.
Zur großen Stauferausstellung beginnend am 19.September 2010 in Mannheim soll er als Beispiel des Neubeginns Staufischer Bauskulptur ausgeliehen werden.
Und wer bewahrt inzwischen die Galerie vor dem Einsturz, wenn jetzt die Baumeistersäule fehlt? Nein, sie fehlt nicht, sondern er steht mit der Säule jetzt wunderbar restauriert und noch verhüllt an seinem angestammten Platz. Was wir im Dom bewundern können ist ein perfekter Abguss, hergestellt mit den modernsten Mitteln heutiger Restaurierungstechnik. Aufwändigst geschaffen und so kostspielig wie ein schönes, neues Auto. Wie alle jetzt restaurierten Bauplastiken des Doms werden diese kostbaren Repliken für unsere Nachkommen sicher aufbewahrt werden.